Der Winterkönig

Vasallen des Winters

Die Wohnung war vorher schon nicht sauber gewesen. Nun herrscht hier das Chaos. Laden und Schränke stehen offen, ihr Inhalt liegt auf dem Boden verteilt. Unachtsam, zu seltsamen Haufen aufgetürmt liegen Lebensmittel und Porzellan, Geschirr und Essbesteck auf dem alten Küchentisch. Irgendwann einmal, vor vielen Jahren, muss er sehr hübsch gewesen sein: eine quadratische Tischplatte, vier zierliche Füße, aus hellem Holz gefertigt und schneeweiß gestrichen. Nun ist der Lack abgeplatzt und der Tisch schief, von der Last der Zeit gebäugt. Der Rest der Küchenmöbel ist in einem weitaus schlechteren Zustand. Zwar sauber, aber alt und verbraucht. Die melaminbeschichteten Spanplatten hängen gelangweilt und schief in ihren Angeln, die Kunststoffgriffe sind, wo noch intakt, grau-gelb angelaufen. Es braucht viel Fantasie um sich die Küche so vorzustellen, wie sie vor dreißig Jahren ausgesehen haben muss. Selbst damals muss sie ziemlich hässlich gewesen sein.

»Und du bist sicher?« Der Mann ist nicht jung und nicht alt, nicht schön und nicht hässlich. Seine Haare sind schneeweiß und lang, sein Gesicht glatt rasiert und seine Haut bleich. Er trägt einen schneeweißen Anzug und sieht damit aus als käme er direkt von einer Hochzeit. Nur die Blume im Knopfloch fehlt ihm. Er steht mit verschränkten Armen und einem fast spöttischen Gesichtsausdruck im Türrahmen und starrt den anderen Mann an, der gerade dabei ist, kupferne Töpfe aus einem Schrank zu räumen. Dann ist der Schrank leer, nur die Schmiedeeisene Pfanne hat er zurückgelassen. Er ist kräftig, ein wenig untersetzt und hat fast keine Haare mehr auf dem Kopf. Er trägt nur ein graues, etwas abgetragenes Hemd und hellblaue Jeans. Er scheint zu schwitzen. Doch es ist nur die Luftfeuchtigkeit, die auf seiner eiskalten Haut zu kleinen, durchsichtigen Tröpfchen kondensiert. Seine Kleidung ist staubtrocken. Durch das gekippte Fenster ist der Straßenverkehr zu hören – gelegentliche Flüche und Drohungen in mindestens vier verschiedenen Sprachen, dazu Hupen und Reifenquietschen.

»Ich bin sicher. Ich meine…« er hält inne und erhebt sich langsam. Kondenswasser tropft von seinen kräftigen Unterarmen auf den gemusterten, fleckigen PVC Boden. »…ich war sicher. Jetzt bin ich es nicht mehr.« Der weißhaarige Mann gibt ein spöttisches Geräusch von sich, das wie das knirschende Geräusch klingt, das Stiefel in frisch gefallenem Schnee hinterassen. »Das wird dem König nicht gefallen. Du weißt ja wie ungeduldig er manchmal sein kann.« Dann wendet er sich um und geht zurück in den dunklen Gang. Im Türrahmen bleibt nur ein bisschen Schnee, ganz wie von einem unachtsamen Besucher, der seine Schuhe nicht beim Betreten der Wohnung ausgezogen hat. »Mir gefällt es hier nicht!« ruft der Glatzkopf dem Anderen hinterher. Er bekommt keine Antwort. Nun verlässt auch er die Küche. »Es ist einfach noch zu warm hier.« Aus einem Raum weiter hinten kommt eine knirschende Antwort. »Was hast du erwartet? Es ist noch nicht mal richtig Herbst geworden. Kein Wunder, dass dir zu warm ist!«

»Ich will dem König nicht sagen, dass wir sie wieder nicht gefunden haben.« Der glatzköpfige Mann wischt sich Kondenswasser von seiner Stirn. Sein Begleiter lacht leise. Es klingt wie splitternde Eiszapfen. »Und wenn schon. Er wartet schon so lange.« Nach einer Stunde verlassen die zwei Männer die kleine Wohnung im zwölften Wiener Gemeindebezirk unverrichteter Dinge. Sie hinterlassen nichts als Unordnung. Und ein bisschen Wasser und Schnee.

[...]